19 Dynamische Systeme

Grundlage energiepolitischer Planungen sind Prognosen, und die sind per definitionem mit Unsicherheiten behaftet. Schwer greifbare Faktoren sorgen zwangsläufig immer für Überraschungen. Wie alles mit allem zusammenhängt, zeigt die Sendung “Dynamische Systeme” der Sendereihe Dynamo-Effekt auf.

Die Radiosendung

Eine Sendung von Bernd Schweeger und Michel Hagn.

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Hintergrundinformation

(Virus-Umweltbureau)

Dynamische Systeme, Zeit schafft Abhängigkeit

Kurzbeschreibung

Energiesysteme verhalten sich zeitabhängig. Nachdem sich die Randbedingungen für diese Systeme mit der Zeit verändern, ist das eine wenig überraschende Erkenntnis. Während es etwa beim Fußball selbstverständlich ist, dass der Ball NICHT dort hingespielt wird, wo sich die (laufende) Spielerin gerade befindet, sondern mit enstprechendem Vorhalt, dort wo sie sein wird, nachdem der Ball seinen Weg zurückgelegt hat, bzw. wo sie, wenn sie weiterläuft, unter Einrechnung der Flugzeit des Balles sein wird, ist dies im Bereich Energie doch anders. Energiepolitische Planung scheint sehr häufig mit diesen grundlegenden Tatsachen Probleme zu haben - und hat deshalb nicht selten das Nachsehen.

Grundlage solcher energiepolitischen Planungen bilden Prognosen, und die sind per definitionem mit Unsicherheiten behaftet. Meist werden Vorhersagen etwa für die Nachfrage nach Energie, die Entwicklung von Treibhausgasemissionen etc. erstellt, indem Trends der Vergangenheit – ohne Einbeziehung des schwer greifbaren Faktors „Überraschung“ - in die Zukunft projiziert werden. Im realen Leben sind jedoch Überraschungen an der Tagesordnung (Katastrophenereignisse, Kriege oder die aktuelle Wirtschaftskrise und viel alltäglichere, die kaum Beachtung finden). Neben diesen Unwägbarkeiten kann es durchaus vorkommen, dass Prognosen auch sonst nicht besonders weitblickend ausfallen, und Entwicklungen nicht berücksichtigen, die sich durchaus hätten vorhersehen lassen (z.B. hohe Wachstumsraten beim Verkehrsaufkommen im Donaukorridor nach Öffnung der Grenzen zu den östlichen Nachbarländern).

Auf der anderen Seite sind energiepolitische Maßnahmen nicht sofort wirksam und brauchen mitunter jahrelange Vorlaufzeiten. Planung, Genehmigung und Bau von Großvorhaben, etwa von Kraftwerken (vielleicht unter besonders schwierigen Bedingungen im Hochgebirge, wo die Baustelleneinrichtung und der Materialtransport zum Problem wird, wie dies etwa bei Speicherkraftwerken der Fall ist) benötigen Zeit, die einkalkuliert werden muss. Auch Wärmedämmung wird beispielsweise nicht über Nacht nach dem Beschluss derselbigen wirksam. Während wir für unseren eigenen Haushalt schnell spontan einen Kühlschrank kaufen, mitnehmen und aufstellen bzw. innerhalb einer Frist von ein paar Tagen liefern lassen können, ist ein Tausch einer Heizungsanlage oder die Montage einer „Solaranlage“ am Dach (sei es nun Solarwärme oder Photovoltaik) ein bereits etwas aufwändigeres Unterfangen – und sei es nur, weil einen die Handwerker_innen ewig warten lassen, obwohl sie den Termin fix versprochen und nun bereits zum dritten Mal verschoben haben.

Bei Großbauvorhaben schlagen sich lange Bauzeiten und Verzögerungen auf der Kostenseite zu Buche, weil Finanzierungskosten unbarmherzig laufen, während vor Inbetriebnahme kein Geld verdient wird.

Energie- und klimapolitische Aktionspläne zeigen sich überraschenderweise immer wieder von denselben statischen Denkansätzen geprägt. Nicht selten mit öffentlichkeitswirksam gut klingenden Begriffen wie „Strategie“ benannt, steckt dann meistens ein Maßnahmenpaket (um dem Ruf nach Konkretem zu genügen) dahinter. Echte strategische Elemente, wo im Voraus bereits vorsorglich festgehalten wird, wie flexibel (etwa per Feedbackschleife: beobachten und Programm gegebenenfalls modifizieren) auf unerwartete Entwicklungen und auf solcherart dynamische bzw. mitunter sogar auf dynamisch davongaloppierende Ziele reagiert werden muss, fehlen. Dasselbe statische Muster findet sich immer wieder: per Prognose wird festgelegt, wie hoch der Energieverbrauch sein wird, dann wird (in Zeiten von Energiesparen) unter Umständen festgelegt, wie viel man reduzieren will. Anschließend kommen ohne angemessene Berücksichtigung von Umsetzungszeiten additiv Einzelmaßnahmen zur Anwendung, mit denen das so geschaffene „Gefäß“ aufgefüllt wird bzw. einzelne Teilziele, wie ein bestimmter Anteil der erneuerbaren Energien erreicht werden soll. Das mag den Gesetzmäßigkeiten von Politik entsprechen und medientauglich sein. Es wäre aber verwunderlich, würde das dann tatsächlich genau so funktionieren - regelmäßige Ernüchterung ist vorprogrammiert.

Angesichts der Art, wie die im März 2010 präsentierte „Energiestrategie Österreichs“ angelegt ist, wäre es eine große Überraschung, würde nicht auch dieses Papier den (oben skizzierten) althergebrachten Weg gehen. Wie es funktionieren kann bzw. warum es in der bisherigen Praxis nicht so recht funktionieren will, soll hier aufgezeigt und anhand ausgewählter Fallbeispiele greifbar gemacht werden.

Fall 1: Klimaschutzprogramm der Stadt Wien

Die Stadt Wien hat zur Erreichung ihrer Klimaschutzziele Zehnjahrespläne in Gestalt der sogenannten Klimaschutzprogramme - KLIP genannt - eingerichtet. Das KLIP lief von 1999 bis 2009. Ab 2010 ist nun das sogenannte KLIP II in Kraft. Trotz der langen Laufzeit waren flexible Anpassungsmechanismen weder im abgelaufenen KLIP I vorgesehen, noch sind sie es im KLIP II, wo man aus der Erfahrung hätte lernen können.

Die Bilanz des KLIP I:

Die Ziele für die vermiedenen Treibhausgasemissionen von jährlich 2,6 Millionen Tonnen wurden mit 2,9 Millionen Tonnen (lt KLIP-II-Entwurf Stand August 2009 – spätere Presseaussendungen der Stadt Wien sprachen zum Jahresende von 3,1 Millionen Tonnen) übererfüllt. Offensichtlich wurden aber keine Treibhausgasemissionen reduziert, da diese in absoluten Zahlen angestiegen sind und um bis zu 21% über dem Kyoto-Basisjahr von 1990 lagen. Grund dafür waren die nicht vermiedenen Zuwächse aufgrund der dynamischen Entwicklung vor allem des Verkehrsbereichs. Ungünstigerweise ist dies auch gerade der Bereich, in den Politik eine besondere Scheu hat, einzugreifen, weil dies als unpopulär gilt. Laut Prognosen der Energieagentur hätten die im Klip angepeilten 2,6 Millionen Jahrestonnen CO2-Äquivalente für eine deutliche Emissionsreduktion und letztendlich für Zielerreichung sorgen sollen.

Insgesamt wurden in Wien zwischen 1990 und 2006 16,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente zu viel ausgestoßen. Während der KLIP-Laufzeit waren es immer noch 11,3 Mio t zu viel.

Die Lehren für das KLIP II

Wer nun davon ausging, dass aus dem ersten Zehnjahresplan die Lehren für den zweiten gezogen wurden, hat sich getäuscht. Deutlich verbessert wurde nur die Präsentation in der Öffentlichkeit, mit der das Paket „verkauft“ wird. Sachlich ist eher ein Rückschritt zu bemerken, wie im Folgenden exemplarisch ausgeführt wird:

  • Wie eingangs bereits erwähnt, gibt es keine Erweiterungsoptionen mit denen auf unerwartete Entwicklungen reagiert werden soll.

  • Mit doppelt so geringen Anstrengungen sollen nun nur mehr 1,4 Millionen zusätzlich vermiedene Jahrestonnen CO2-Äquivalente angestrebt werden.

  • Ziel ist nicht mehr das Erreichen von absoluten Emissionswerten, sondern nur mehr Werte für die Pro-Kopf-Emissionen. Anmerkung: wegen des erwarteten Bevölkerungswachstums Wiens können die Pro-Kopf-Emissionswerte weiter sinken, während das absolute Emissionsniveau insgesamt weiter steigt.

  • Bereiche, für die Wien nicht zuständig ist, sollen ausgeklammert werden (Bundeszuständigkeit, Tanktourismus, Headquarter Problematik, ohne Emittenten in der Einflusssphäre Wiens, die außerhalb des Stadtgebietes liegen einzubeziehen z.B. Flughafen!).

  • Statt der Bundesländerluftschadstoffinventur wird der MA22-Emissionskataster herangezogen. Anstatt an der Sache etwas zu ändern, wird einfach eine günstigere Berechungsbasis geschaffen und die Vergleichbarkeit ist nicht mehr gegeben.

  • Sämtliche Betriebe, die in den EU-weiten Emissionszertifikatshandel eingebunden sind, werden aus dem KLIP-Rahmen ausgeklammert und damit gleich 73,5 % der Emissionen aller Betriebe wegdefiniert.

  • Für die restlichen Betriebe wurde mit kreativen Berechnungsmethoden ungerechtfertigterweise eine Emissionsreduktion von 6% konstruiert.

Unter diesen Umständen ist ein Erfolg des KLIP auch in seiner zweiten Auflage zu hinterfragen.

Fall 2: Wasserkraft

Die Nachkriegszeit hat gezeigt, dass es möglich ist, über einen längeren Zeitraum forcierten Wasserkraftwerksbau zu betreiben, und den Anteil der Wasserkraft an der gesamten Versorgung trotzdem nicht zu erhöhen, sondern zu senken, weil die Verbrauchsentwicklung noch schneller gestiegen ist (und dieser Verbrauchsanstieg passiert nicht einfach, sondern wird wiederum durch den Wasserkraftausbau mitverursacht). Wie schon bei der Wasserkraft-Sendung ausgeführt, ist das Prinzip das Folgende: Die Wasserkraft benötigt aufgrund von Schwankungen der Produktion zwischen verschiedenen Jahren bzw. Jahreszeiten Ergänzungskraftwerke, die schlecht ausgelastet sind, samt Motivation die Auslastung zu erhöhen, durch diese Mechanismen entstehen Überkapazitäten, große Mengen an Strom kommen zu niedrigen Preisen auf den Markt, mit negativen Anreizen elektrische Energie zu sparen- im Gegenteil, der Verbrauch wird so angeheizt) -verschärftes „Esel-Karotte Prinzip“

Dessen ungeachtet wurde vom Wirtschaftsminister und vom Verband der Elektrizitätswerke Österreichs ein „Masterplan Wasserkraft“ entworfen, der nun die im Wesentlichen immer noch gleich gelagerten Probleme mit einem ähnlichen Ansatz zu lösen versucht. Seit seiner Vorstellung ist geraume Zeit vergangen, ohne dass die dort angeführten Kraftwerke im Einzelnen oder ihre Leistungsdaten vorgestellt wurden. Nach wie vor ist nur bekannt, dass mit der Umsetzung des Masterplans Wasserkraft ein zusätzliches Regelarbeitsvermögen (Jahreserzeugung im sogenannten Regeljahr, in dem das Wasserdargebot dem langjährigen Durchschnitt entspricht) von 7 TWh = 7 Milliarden Kilowattstunden bis zum Jahr 2020 bereitgestellt werden soll.

Die Erreichbarkeit dieses Ziels ist aus vielen Gründen in Frage zu stellen. Neben der Frage von Interessenskonflikten bei der Nutzung von Gewässern sind aber auch Zweifel angebracht, wie viele Kraftwerke rein technisch in welcher Zeit errichtet werden können.

  • Wie viele Großbaustellen können gleichzeitig abgewickelt werden?

  • Vorlaufzeiten für Planung und Genehmigungsverfahren sind zu berücksichtigen.

  • Es ist davon auszugehen, dass selbst im Erfolgsfall die zusätzliche Kapazität nicht kontinuierlich ans Netz geht, sondern erst gegen Ende der Dekade verfügbar sein kann.

Mittlerweile sind auch vermehrt von Insider_innen der E-Wirtschaft Zweifel zu hören, in welcher Zeit man hier wie weit kommen kann. Angaben über Fertigstellungs- bzw. Inbetriebnahmezeitpunkte sind vielfach erst in der zweiten Hälfte der Dakade bis 2020 angesetzt.

Insofern spricht es nicht gerade für die Glaubwürdigkeit der Energiestrategie (siehe Fall 6) wenn diese nun 3,5 TWh bis 2015 vorsieht: Hier haben offensichtlich Uneingeweihte mit der Zauberformel „halbe Kapazität in der Hälfte der Zeit“ gearbeitet.

Fall 3: Anteil erneuerbarer Energieträger generell

a) Gesamtenergieverbrauch 2020

Für den Anteil an erneuerbaren Energien gibt es ambitionierte Ziele. Bis 2020 soll ein Anteil am gesamten Endenergieeinsatz von 34% erreicht werden. Umso wichtiger ist eine geeignete Messbasis für die Zielerreichung. Hier sorgte eine Pressekonferenz der Bundesminister Mitterlehner (Wirtschaft) und Berlakovich (Umwelt) für Aufsehen, bei der der Ist-Zustand plötzlich mit 28% statt vorher mit 23,3% angegeben wurde. Nun kommen nachträgliche Anpassungen von Statistiken im geringen Ausmaß durchaus vor, aber 5% ist doch ein sehr hoher Wert. Die Vertrauensbasis ist erschüttert, wenn der Weg zur Zielerreichung mit Rechenkunststücken bereits um die Hälfte abgekürzt wird. Nach dieser etwas unglaubwürdigen Präsentation erfolgte ein „Zurückrudern“ – die Unklarheit bezüglich der Messbasis bleibt aber bestehen.

Knapp ein Viertel (23%) des österreichischen Gesamtenergieverbrauchs wurde 2007 aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt. In Summe nahm die Nutzung erneuerbarer Energie von 1974 bis 2004 um 157% zu. Der relative Zuwachs ist allerdings gering. Relativ zum Gesamtenergieverbrauch erhöhte sich der Anteil erneuerbarer Energieträger in den 20 Jahren nur um zirka einen Prozentpunkt.

Real ist der Anteil der erneuerbaren Energien in den letzten 20 Jahren von 1984 bis 2004 trotz Ausbaus nur minimal – um 1 Prozentpunkt - gestiegen, der Anteil an der Elektritzitätsversorgung sogar gesunken (wegen der absoluten Steigerungen des Gesamtenergie- bzw. Stromverbrauches).

b) Elektrizität

Typisches Beispiel: laut EU-Vorgaben beträgt der Zielwert beim Anteil erneuerbarer Energien für Österreich 78,1 %. Die Richtlinie „2001/77/EG zur Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen im Elektrizitätsbinnenmarkt“ ist am 27.10.2001 in Kraft getreten und war von den Mitgliedsstaaten bis 27.10.2003 umzusetzen.

Hauptziel der Richtlinie ist/war, den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung in der Europäischen Union zu steigern (Ziele für EU 15 und – später dann – adaptiert für EU 25).

Anmerkung: bei Kleinwasserkraft war das Ziel kurioserweise gleich dem Ist-Zustand. Trotz Ausbaus erneuerbarer Energien ist der Anteil real gesunken. Die Bundesregierung versuchte diese doch etwas blamable Tatsache dadurch abzumildern, dass sie das Jahr 1997 und nicht das Zieljahr als Maßstab nimmt.

Anmerkung dazu bzw. zur „berüchtigten“ Fußnote (Quelle: http://www.oekonews.at/index.php?mdoc_id=1015834, 24.07.2006):

Aufgrund einer Fußnote Österreichs wird der Zielwert für 2010 auf knapp 44 TWh begrenzt, was einer bis 2010 erforderlichen Steigerung von rund 5 TWh entspricht (ohne Fußnote sind es rund 56 TWh oder eine wesentlich höhere Steigerung, nämlich von 17 TWh).

Österreich verweist in seinem letzten Bericht an die Kommission auf eine Fußnote, welche hineinverhandelt wurde (wonach sich das 78,1%-Ziel auf den Stromverbrauch des Jahres 1997 zu beziehen hätte) - diese Fußnote wird von der EU-Kommission als “einseitige Erklärung” dargestellt, die keinerlei rechtliche Auswirkungen habe. Die Kommission stellt klar, dass der Zielwert, den Österreich 2010 erreichen müsse, 78,1% betrage.

Zusammensetzung der Stromaufbringung und das 78,1%-Ziel für erneuerbare Energien - Grafik: IG Windkraft

Zusammensetzung der Stromaufbringung und das 78,1%-Ziel für erneuerbare Energien - Grafik: IG Windkraft

Im Ländervergleich:

Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen und EU-Vorgaben - Grafik: Biomasseverband, „Basisdaten Bioenergie Österreich 2009“

Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen und EU-Vorgaben - Grafik: Biomasseverband, „Basisdaten Bioenergie Österreich 2009“

Wieder ein Beispiel wo die dynamische Entwicklung davongaloppiert ist, und alle aussichtslosen Manöver sich einer Verpflichtung zu entziehen kein geeignetes Gegenrezept sind.

c) Photovoltaik

Gerade bei der Photovoltaik gibt es sehr optimistische Erwartungen über Wachstumsraten. Auch wenn man wie der Autor diese Beitrages deren Ausweitung für sinnvoll hält, ist doch Folgendes zu beachten:

Hier wie generell wird die Umstellungsgeschwindigkeit auf Erneuerbare Energien überschätzt.

Nicht in Betracht gezogen: Engpässe bei der Verfügbarkeit von Schlüsselressourcen, die sich bei einer weltweiten Ausweitung der Großproduktion bemerkbar machen.

Vergleiche z.B.:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-67596378.html

In Sachen Zeitabhängigkeit:

Photovoltaik benötigt bei der Modulerzeugung beachtliche Mengen an grauer Energie. (Entgegen allen Unkenrufen die seit den 1970er-Jahren nicht verstummen wollen, ist der Erntefaktor größer als 1, das heißt, es wird über die Lebensdauer mehr Energie gewonnen als hineingesteckt.)

Bei einer energetischen Amortisationszeit von Photovoltaik von etwa 6 Jahren heißt das aber, dass bei einem forcierten Photovoltaikprogramm dies für die ersten sechs Jahre mehr Energie kostet, und erst dann der Turnaround erreicht wird. Das ist kein Grund, nicht auf Photovoltaik zu setzen, aber bei der zeitlichen Wirksamkeit solcher Programme ist es unbedingt zu berücksichtigen.

Fall 4: Kernenergie - Statement IEA-Chefökonom Fatih Birol

Im Lichte der Knappheit von fossilen Ressourcen und der Erreichung von Klimazielen kommt Kernenergie eine zentrale Bedeutung zu.

Die Internationale Energieagentur (IEA) forderte unlängst eine jährliche Inbetriebnahme von ca. 30 Kernkraftwerken bis zum Jahr 2050.

z.B- http://www.sueddeutsche.de/wissen/976/444714/text/ bzw.

http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang-2008/april/–die-sirenen-schrillen–.html

Derzeit ist nur eine Rate von max. 6 Reaktoren/Jahr erreicht. Selbst wenn angenommen wird, dass eine Steigerung dieser Rate erreicht wird, geht dies nicht beliebig und nicht „von Null auf Hundert“. Begrenzende Faktoren sind produktionsseitig die Verfügbarkeit von Schlüsselkomponenten (Reaktordruckbehälter), die weltweit nur von wenigen Spezialfirmen angeboten werden und die ihre Produktionskapazitäten nicht beliebig und in beliebig kurzer Zeit ausweiten können, und andererseits betriebsseitig die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal.

Für eine über das Thema dynamische Systeme hinausgehende genauere Analyse der Kernenergie und ihrer zukünftigen Rolle im Energiesystem, verweisen wir auf Text und Sendung eigens zu diesem Thema.

Fall 5: Energieintensität

Beispiel: der Energieeinsatz bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt BIP sinkt nicht so stark wie erwartet, oder steigt sogar wegen dynamischer Entwicklung des (ineffizienten) Verkehrs, obwohl in anderen Bereichen Effizienzsteigerungsmaßnahmen umgesetzt werden. Die Energieeffizienz steigt, die Energieintensität des Gesamtsystems sinkt aber nicht, sondern bleibt gleich oder steigt sogar. Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass die Energieeffizienz auch nur sektoral steigt und die Gesamteffizienz abnimmt. Grund: Sektoren die besonders ineffizient sind, wachsen besonders stark (Verkehr).

Fall 6: Energiestrategie

Im März 2010 wurde die Energiestrategie Österreich der Öffentlichkeit präsentiert. Der zugrundeliegende Erarbeitungsprozess wurde in Form von mehreren Arbeitsgruppen (jeweils zu Partikulärthemen) abgewickelt, deren Gesamtkoordinierung bei den Minister_innen (Wirtschaft, Umwelt) selbst lag. Das heißt auf der einzigen „strategisch“ wirklich interessanten Ebene gab es keine breitere Beteiligung.

Deren wesentliche Eckpfeiler, die bereits bei Prozessstart vorgegeben waren, sind der Einsatz von erneuerbaren Energien, die Steigerung der Energieeffizienz, und Versorgungssicherheit, also Themenbereiche, die man aufgrund der häufigen Erwähnung unter „Mainstream“ einordnen kann. Mit Energieeffizienzsteigerung soll der Gesamtenergieverbrauch auf ca. 1100 Petajoule reduziert und auf diesem Niveau stabilisiert werden. An dieser Stelle ist anzumerken dass die drei Ziele insofern nicht kohärent sind, als eine Steigerung der Versorgungssicherheit im Allgemeinen mit einer angebotsseitigen Vorgangsweise - Überkapazitäten - verbunden ist, und diese Situation mit der durch sie mitverursachten Begleiterscheinung niedriger Preisniveaus Verbrauchswachstum fördert, und damit dem Ziel einer Verbrauchsstabilisierung zuwiderläuft.

Bei der „Energiestrategie“ wird dann - wie auch von anderen Programmen bekannt - relativ statisch ein Verbrauchsziel vorgegeben, und dann mit angebotsseitigen Maßnahmen aufgefüllt um den Zielwert zu erreichen. Eine strategische Planung, wie schnell das erreichbar ist, bzw. was passiert, wenn dieser Zielwert nicht erreicht wird, fehlt. Verschärft wird das dadurch,dass Verbrauchsziele nur mit technischen Maßnahmen resp. Effizienzsteigerung erreicht werden sollen. „Rebound-Effekte“ etc. (siehe Sendung „Energieeffizienzfalle“) die Einsparungen zunichte machen können sind allerdings wohlbekannt. Nimmt man das Wort Strategie ernst, dann kann mit Recht in Zweifel gezogen werden, ob ein statisches Maßnahmenpaket in Form des vorgelegten Konzepts das Kriterium erfüllt. Der im Rahmen der „Energiestrategie“ vorgenommene Kunstgriff, beim Wasserkraftausbau geplante Erzeugungskapazität und Umsetzungszeit einfach zu halbieren, wurde bereits unter Punkt 2 abgehandelt, hier sei nochmals auf die Fragwürdigkeit einer solchen Planung hingewiesen.

Anhand der „Begleitmusik“ lässt sich ableiten, dass Initiatoren und Mitwirkende zu glauben scheinen, dass die Energiestrategie die Kritierien einer Strategie (siehe oben) erfüllt. Ob sich die Akteur_innen der Erfordernisse von Zeitabhängigkeit überhaupt bewusst sind, darf bezweifelt werden.

Fall 7: Tempolimits als Energiesparmaßnahme

Tempolimits sind umstritten (in Sachen Akzeptanz und in einer davon nicht losgelösten Diskussion auch hinsichtlich ihrer Wirkung). Dazu verweisen wir allgemein auf die spezifische Sendung. Hier nur so viel:

Geschwindigkeitsbeschränkungen eignen sich im Zusammenhang mit der Verdeutlichung dynamischer Systeme als Paradebeispiel für eine Maßnahme, die mit sehr kurzen Vorlaufzeiten, fast über Nacht einführbar und damit an sich schnell wirksam ist. Es besteht allerdings eine Durchsetzungszeit, bis sich die Fahrzeuglenker_innen an solche Limits gewöhnen. Wenn verstärkte Kontrollen eingesetzt bzw. als direktester Weg die Geschwindigkeit im Fahrzeug selbst mit technischen Mitteln begrenzt wird, dann sind wieder längere Vorlaufzeiten für die entsprechenden Vorkehrungen bzw. Umrüstzeit für die Flotte, Übergangsfristen etc. zu veranschlagen.

Was kann ich tun?

Zeitfaktor für allfällige Umstellungen selbst einplanen

Zeitfaktor bei politischen Programmen einfordern

Keinen Konzepten glauben, die Zeitabhängigkeit nicht berücksichtigen.

Literatur

KLIP 1

http://www.wien.gv.at/umwelt/klimaschutz/pdf/klip.pdf

KLIP 2

https://www.wien.gv.at/umwelt/klimaschutz/programm/klip2/index.html

Rehm W., 2009; „Stellungnahme der Umweltorganisation VIRUS zur Fortschreibung des Wiener Klimaschutzprogrammes“

(Klip II- Entwurf vom 12.6.2009)

http://www.wuk.at/virus/Download/VIRUSStellungnahmeKLIP_II_19082009.pdf

Statistik Austria Energiestatistik Österreich

http://www.statistik.at

Artikel: Wende in der Ökostromauseinandersetzung?, 24.7.2006, http://www.oekonews.at/index.php?mdoc_id=1015834 (Stand: 25.03.2010)

Artikel zur Atompolitik und den Forderungen der IEA, http://www.sueddeutsche.de/wissen/976/444714/text/ (Stand: 25.03.2010)

Interview mit dem Chefökonom der IEA, Fatih Birol, http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang-2008/april/–die-sirenen-schrillen–.html (Stand: 25.03.2010)

http://www.energiestrategie.at

Fußnoten

Energiesysteme sind hier als die Gesamtheit aller technischen und nichttechnischen Komponenten zu verstehen, die zusammen die Energieversorgung bestimmen. Es sind dies auf der technischen Seite Pipelines und Verteilstationen, Speicher, Stromleitungen und Umspannwerke, Bergwerke etc., und auf der organisatorischen Seite Erzeugungs-, Verteilungs-, Vertriebsunternehmen, Anbieter von Energiedienstleistungen, Energieverbraucher und Konsument_innen.

der Kyoto-Vertrag von 1996 legte verbindlich konkrete Reduktionsziele von Treibhausgasen fest – für Österreich gelten minus 13 % bis zum Jahr 2012, als Ausgangsbasis zur Berechnung gelten die Werte von 1990

Nach dem Bild der Kutscher_in , die um sein störrisches Zugtier - einen Esel - zu motivieren, den Karren zu ziehen, diesem an einer Angel eine Karotte vor die Nase hält, worauf dieser brav losmarschiert, um sich die Karotte zu holen, dadurch den Karren weiterbewegt, dieser wiederum die Angel mit der Karotte, die so unerreichbar bleibt, und das Werkel ständig in Gang hält. Verschärft deshalb, weil beim Esel und der Karotte der Abstand immer gleich bleibt

Dies nimmt jedenfalls Zeit in Anspruch, auch wenn vernachlässigt wird, dass Vorhaben, die besonders kontroversiell sind, auch länger brauchen, weil vermehrt Rechtsmittel eingelegt werden etc.

die sogenannte „Graue Energie“ ist die Energie, die bei der Herstellung verbraucht wird

Ein nach der Ölkrise 1973 von der OECD ins Leben gerufene Einrichtung, die unter anderem die Vorhaltung strategischer Erdölreserven regelt

Quelle: Mr.Steven C.Sholly: Nuklearenergiespezialist an Universität für Bodenkultur, Institut für Sicherheits-und Risikowissenschaften – mündliche Mitteilungen, Mr. Birol selbst spricht überhaupt nur von einem derzeitigen Schnitt von 1,5 Reaktoren/Jahr

Interviewpartner_innen

in der Sendung

Dr.in Jill Jäger
Klimatologin und Nachhaltigkeitsforscherin, derzeit freie Mitarbeiterin des Sustainable Europe Research Institute Wien (SERI)
jill.jaeger[at]seri.at

Univ. Prof. DI Dr. Arnulf Grübler
IIASA Progr. Global Energy Assessment, Yale University, Montanistische Universität Leoben, Member Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)
gruebler[at]iiasa.ac.at

Ing.in Monika Langthaler, m.sc.
Geschäftsführende Gesellschafterin der Consulting Firma Brainbows Informationsmanagement GmbH. Von Brainbows wurden Koordinierungs- und Moderationsaufgaben bei der Entwicklung der Österreichischen Klimastrategie übernommen.
monika.langthaler[at]brainbows.com
http://www.brainbows.com/